Das Anfangen, das ist es nur.

Ein Gespräch zwischen Nataly Kirwald und Stefan Freise über das Festsitzen im Lockdown in Südafrika, einen Schaufenstershop in Paderborn und über die Zukunft des Einzelhandels im Digitalen Wandel

Am 21. April 2020 traf Stefan Freise die Unternehmerin und Einzelhändlerin Nataly Kirwald in ihrem Geschäft in der Paderborner Innenstadt für ein Interview. Natürlich mit sicherem Abstand.

Vorhergegangen war in den Tagen zuvor ein Kennenlernen via E-Mail, da Nataly Kirwald mit einem Schaufenstershop auf hasentaler.de eingetragen werden wollte. Ein Schaufenstershop? Stefan Freise war neugierig geworden.

Nach einem kurzem Hallo stiegen die beiden sofort tief in das Thema ein und landeten nach wenigen Minuten bei Facebook, Instagram und dem Spaß am Social Web. Das Interview hatte aber noch gar nicht angefangen.

Bevor wir also etwas verpassen, schnell die Aufnahme gestartet und mittenrein in das Gespräch.

Viel Spaß!

Stefan Freise: Ich mache unsere Internet Days, ich mache Veranstaltungen, ich liebe es mich mit anderen Unternehmer*Innen auszutauschen und ich stelle eben auch fest, dass es ein Level gibt auf dem man sagt, dass es auch Spaß machen muss. Wenn Sie sagen, dass man kein Instagram benutzt hat, weil es einfach kein Spaß macht oder kein E-Commerce, weil man daran keinen Spaß hat, sollte man eigentlich ja auch die Finger davonlassen.

Nataly Kirwald: Das habe ich bisher auch so gehandhabt.

Stefan Freise: Wobei, wenn man als Unternehmerin rangeht und überlegt, dass es strategisch schon sinnvoll ist das zu tun, muss man das eben an jemandem delegieren, an denjenigen, der es gerne macht. Das habe ich so oft erlebt bei Kunden, die sagen: „Dieses ganze digitale Social Media, da haben wir keinen Spaß dran, das lassen wir lieber.“ Bis dann plötzlich jemand eingestellt wurde, der neben seinem eigentlichen Hauptjob auch plötzlich Spaß an Social Media hatte. Oder diejenige, auch in einem 100 Mann Laden, hat das Unternehmen so sichtbar gemacht auf Instagram, Facebook und so weiter. Mit Videos hier und coolen Fotos da und das funktioniert wirklich wie Mist.

Nataly Kirwald: Das muss wirklich einer sein, der da Spaß dran hat. Man muss eine entsprechende Sprache sprechen, die zum Unternehmen passt und das muss derjenige dann auch tun. Ich hab das bisher noch nicht weiterverfolgt, dass ich sagen kann, der oder die im Geschäft könnte das machen, aber wir sind ja jetzt dabei. (lacht)

Stefan Freise: Sie kennen ja nur Ihre Kundinnen und Kunden. Also die die reinkommen und gucken oder mit denen man mal telefoniert oder auch mal eine E-Mail schreibt, aber dass sich durch diese anderen Kanäle vielleicht eine ganz neue Kundschaft auftut. Dass man damit quasi ein ganz neues Segment erobert, das im Übrigen nicht mal in Paderborn sitzen muss.

Nataly Kirwald: Das haben wir ja jetzt auch festgestellt. (beide lachen)

Stefan Freise: Ich versuche ein bisschen in den Geschichten Modus zu wechseln. Im Fuß der Webseite steht es noch, aber ich weiß nicht mehr ganz genau, an welchem Märztag wir den Hasentaler gestartet haben. Und es war wirklich so, dass meine Frau mir abends sagte: „Du da gibt’s den Wolfgang. Wolfgang hat mich gefragt, ob ich jemanden kenne, der ihn dabei unterstützen kann.“ Er hatte die Idee aus Österreich, es gibt da so ein Projekt in Wien, welches dort auch positioniert ist, und er hatte wohl bereits an mich gedacht. Und dann habe ich mir das angehört und gesagt: „Ne komm, da habe ich jetzt keine Zeit und keinen Kopf für.“ und hab das abends dann im privaten abgeschrieben. Und dann haben wir am nächsten Morgen beim Kaffeetrinken noch einmal darüber gesprochen. Dann hat die Idee plötzlich gezündet. Wenn ich jetzt nicht nur ein Verzeichnis mache über den Paderborner Einzelhandel, von wegen: „Helft dem Einzelhandel, rettet den Einzelhandel“, sondern ich sichtbar mache, wo es in Paderborn schon coole Möglichkeiten gibt, von Zuhause aus für meine Schwiegermutter mal eben ein Windlicht zu kaufen oder ein paar Schuhe oder sonst was. Da mag es doch eine Menge geben, und dann mache ich die doch mal sichtbar, auch um allen anderen zu zeigen, dass so ein Aufbruch sich lohnt.

Bin damit in die Firma, und tatsächlich haben wir innerhalb von drei Stunden die Seite online gestellt. Zu viert haben wir das gemacht, und ich habe dann noch einfach weitergemacht bis spät in den Abend. Und nach ungefähr 24 Stunden waren wir der Meinung, jetzt steht so der Prototyp und sind dann damit rausgegangen auf Facebook und ein bisschen Instagram und haben gesagt: „Das steht.“ Ich habe dann zwei Wochen lang nichts anderes gemacht, auch am Wochenende, mich voll in das Projekt verliebt und habe dann auch sofort rausgehauen: „Schickt mir Beispiele, schickt mir Beispiele!“ Und Sie waren sehr früh dabei, glaube ich.

Nataly Kirwald: Ja über eine Mitarbeiterin. Die hat das, denke ich, über Instagram gesehen, hat mir das dann sofort geschickt. Dann habe ich mich sofort gemeldet.

Stefan Freise: Und Sie saßen in Südafrika im eigentlichen Urlaub. Aber zu dem Zeitpunkt wussten Sie schon, dass Sie eigentlich nach Hause wollen, und auch sollen.

Nataly Kirwald: Ja genau, wir waren dort eigentlich zwei Wochen im Urlaub. Und einen Tag vor unserem geplanten Rückflug wurde der Flug storniert. Wir hatten allerdings auch schon eine ganze Woche vorher probiert einen früheren Flug zu bekommen, aber es war nichts zu machen. Und dann kam der Lockdown in Südafrika und damit fielen auch komplett alle Flüge aus. Alles fiel aus.

Stefan Freise: Also wussten Sie gar nicht, wann Sie nach Hause kommen?

Nataly Kirwald: Nein. Wir hatten uns dann auf der “Rückhol-Webseite“ vom Auswärtigen Amt registriert. Darüber kam dann immer relativ regelmäßig für die Landsleute in Briefform, vom Botschafter Pretoria, wie es weitergeht und so weiter. Da ging es darum wie das Prozedere ist, dass man Geduld haben muss und bitte nicht jeder Einzelne, der da sitzt bei ihm anrufen soll. Das war relativ aufwendig. Aber wir wurden immer gut auf dem Laufenden gehalten. Es hat dann knapp zwei Wochen gedauert, bis wir dann mitdurften. Das war glaube ich, der dritte oder vierte Flug. Die letzten werden morgen [22.04.2020] nach Deutschland ausgeflogen.

Stefan Freise: Ich habe eine ganz gute Bekannte über Facebook in Neuseeland. Eigentlich paradiesisch, aber dann will man ja dort weg, oder?

Nataly Kirwald: Ja. Wir hatten es aber zum Glück gut getroffen. Wir sind eben im Land herumgereist und über unsere letzte Unterkunft hatten wir diesen Kontakt in Cape Town erhalten. Ein nettes älteres Ehepaar die Zimmer haben, eine Ferienwohnung. In der Ferienwohnung konnten wir dann bleiben und wir waren natürlich dann auch die einzigen Gäste dort. Sie haben gesagt: „Egal, wie lange ihr bleibt.“ Wir haben am Wochenende immer mit ihnen zusammen gefrühstückt, und das war eine ganz schöne Gesellschaft und ist zu einer wirklich schönen Verbindung geworden. Das Grundstück war groß, wir konnten in den Garten gehen… und den letzten Tag vor dem Lockdown haben mein Mann und ich jeweils einen Laptop gekauft damit wir irgendwie arbeitsfähig sind. Und so haben wir dann in unserer Ferienwohnung jeder in seinem Zimmer gesessen – ich im Schlafzimmer, er im Esszimmer – und haben unser Homeoffice da aufgeschlagen und dann darüber eigentlich relativ viel regeln können.

Und dann hatten wir das Gefühl, es geht irgendwie weiter. Das geht natürlich nur, wenn man Zuhause gescheite und motivierte Leute hat, die da wirklich teilweise über sich selbst hinausgewachsen sind und eben diese Ideen hatten. Wir haben pausenlos geschrieben, telefoniert und so ist das dann nach und nach entstanden.

Stefan Freise: Aber dass Ihr Team hier vor Ort einen offensichtlich sehr guten Job gemacht hat, daran haben Sie ja die Jahre vorher gearbeitet, als gute Arbeitgeberin.

Nataly Kirwald: Wenn man es so sieht, hoffe ich das doch. (lacht)

Stefan Freise: Ich habe von Ihnen die Mail bekommen mit dem Inhalt: „Herr Freise, tragen Sie mal ein: Schaufenster Shop.“ Und dann dachte ich: „Okay, mache ich.“ aber hatten wir als Rubrik ja gar nicht drin im Hasentaler. Und ich hatte auch im ersten Moment gar keine Ahnung davon, was das genau sein soll. Aus meiner Sicht sind Sie, Frau Kirwald, die Erfinderin des Schaufenster-Shops.

Nataly Kirwald: Nein, das war meine Mitarbeiterin Susanne Hilt.

Stefan Freise: Okay, sehr geil. Das ist cool. Dann gilt das Lob und die Anerkennung natürlich für Frau Hilt die gesagt hat: „Was machen wir jetzt?“

Nataly Kirwald: Die haben halt hier gesessen und sich nach ein paar Tagen gefragt: „Was machen wir jetzt?“ Das war ja erstmal ein bisschen Schockstarre für alle. Dann haben sie gesagt: „Wir müssen jeden Tag zumindest eine gewisse Zeit hier sein.“ Und dann haben sie angefangen, alles einfach irgendwie ins Fenster zu platzieren. „Wir müssen den Leuten, die in die Stadt gehen, wenigstens was zeigen, dass sie was sehen können.“ Viele andere haben teilweise ihre Sachen aus den Schaufenstern abgehängt und sie hat es anders gemacht und gesagt: „Wir müssen das irgendwie nach draußen bringen. Die Leute brauchen ja auch Oster-Deko. Wir können ja eine Deko Kiste zusammenstellen…“ und so kamen dann alle möglichen Ideen. Die haben wir dann einfach mit der Zeit ein bisschen perfektioniert und das machen wir ja immer noch ein bisschen weiter. Susanne Hilt hat dann angefangen, über ihren WhatsApp Status einfach Fotos von unserem Schaufenster Shop zu posten mit ein bisschen Text. Da kam dann auch wieder Reaktion. Das haben die anderen Mitarbeiter dann auch übernommen. Ich habe das von Südafrika aus auch gemacht. Das war einfach im kleinen, ganz kleinen Stil. Aber jeder hat ja andere Kontakte, und die haben es auch teilweise noch ein bisschen weitergetragen. Und darüber kam dann auch wieder Reaktion. Und ja, dann kam das mit dem Hasentaler und so konnte man das noch etwas mehr nach außen tragen und perfektionieren. Es stand ja überall schon: „Klopf an, schreibt eine E-Mail, ruft an oder klopft eben kurz an die Tür, macht euch bemerkbar.“

Stefan Freise: Und die Artikel waren nummeriert oder wie war das?

Nataly Kirwald: Wir haben einfach nur gesagt: „Macht ein Foto oder schreibt uns.“ Sie hatten anfangs tatsächlich diese Kisten gemacht, richtige Einkaufskisten, ähnlich wie vergrößerte Obstkisten, und die hatten sie mit verschiedenen Sachen gefüllt, dann auch entsprechend beschriftet. Aber das kann man für die Menge – was wir alles an Artikeln haben gar nicht machen. Und das änderte sich auch pausenlos, wir haben es immer wieder neu dekoriert, damit auch immer wieder etwas Neues zu sehen war. Über Fotos kamen dann die Anfragen: „Habt ihr die Laterne da?“. So ist es dann immer weitergegangen. Und dann haben sie eben angefangen, ja, im Prinzip Fotos zu machen für ihren WhatsApp Status. Dann haben wir auch zusammen überlegt, dass das schnell auf die Internetseite muss. Und dann haben sie angefangen eine Art Fotobox aufzubauen und dann mit dem Handy Sachen aufzunehmen. Immer an derselben Stelle, und immer schöner. Mit dem Gedanken im Kopf: „Was ist gerade interessant? Für Ostern, für den Garten? Gerade wenn man Zuhause ist?“ Und haben dann verschiedene Themen versucht, einfach schön, aber simpel abzubilden und dann zu beschreiben. Sie haben es mir geschickt, ich habe es kontrolliert, nochmal anders geschrieben und dann weitergeschickt, bis es auf die Seite kommt und dass immer so nach und nach.

Stefan Freise: Das ist verrückt, denn das sind viele Prozesse, die wir ja, wenn wir so einen klassischen Webshop angehen, wenn der Kunde zu uns kommt. Wir sagen dann: „Guckt mal, ob ihr eine Foto-Ecke macht. Guckt mal, wie ihr Beschreibungstexte findet, woher gute Fotos kommen, wie ihr die Dinge bepreist und online stellt.“, und bei Ihnen war das alles quasi aus Eigenantrieb heraus. Und plötzlich hatten Sie so etwas wie einen ersten kleinen Webshop?

Nataly Kirwald: Genau, und wir sind ehrlich gesagt seit Monaten dran unsere leicht veraltete Internetseite auf neu und technisch umzustellen, auch inhaltlich. Und das kriege ich sonst nicht so gut gebacken, denn da muss man sich Zeit für nehmen um vernünftige Texte schreiben. Und es muss natürlich alles gut überlegt sein, deswegen ist das noch nicht fertig. Und das wäre jetzt echt gut gewesen, wenn die Webseite fertig gewesen wäre. Dann hätten wir auch selber schneller Änderungen vornehmen können. Das kann ich zur Zeit ja noch nicht. Aber irgendwie ging es plötzlich auch erst einmal so.

Stefan Freise: Jetzt ist es ja wahrscheinlich so, dass Sie nicht jeden Tag unter Normalbetrieb, oder vor Corona, hier 550 Leute haben, die da reinkommen. Also, ich nehme an, die Zahl ist ein bisschen niedriger. Tatsächlich habe ich keine konkrete Vorstellung. Würde ich raten, würde ich sagen, kommen hier am Tag 100, 200 Leute rein, und wie viele davon einkaufen, weiß ich nicht. Aber ich will ihnen keine Geheimnisse entlocken. Im Vergleich dazu der Schaufenster-Shop mit WhatsApp usw. – halt was dann online passiert ist – können Sie oder wollen Sie verraten, dass Sie sagen: „Okay, es waren so 20, 30 Prozent vom normalen Level. Oder es war zumindest so, dass es uns kleckerweise ein bisschen Hoffnung gemacht hat.“, oder war es komplett überraschend?

Nataly Kirwald: An manchen Tagen, nachdem wir das ein bisschen mehr verteilt haben und viele Leute davon wussten, würde ich mal sagen, waren es teilweise 20 Prozent. Und das dafür, dass wir zu hatten und auch nur den halben Tag da waren, meistens nur eine Person, war das eigentlich nicht so schlecht. Und ich glaube auch, da haben wir auch sicherlich Vorarbeit geleistet in der Art und Weise, wie wir zu normalen Zeiten, also vorher mit unseren Kunden verbunden sind oder wie wir mit unseren Kunden so umgehen. Das waren, glaube ich, ein Großteil der Kunden. Das konnte man auch anhand der Zuschriften lesen, die uns schon vorher auch wohlgesonnen waren oder die gesagt haben: „Da müssen wir doch irgendwas kaufen, da müssen wir doch unterstützen.“ Da haben wir dann eben auch davon profitiert, dass wir vorher schon einen guten Kontakt mit unseren Kunden hatten.

Stefan Freise: Aber das ist ja das Beste, das das Beste aus beiden Welten. Es gibt ja viele Unternehmerinnen, Unternehmer, Händlerinnen, Händler, die sagen: „Ne, wir sind stadtbekannt und wir brauchen diesen ganzen digitalen Schnickschnack nicht.“ Was für Kirwald ganz bestimmt auch zutrifft, dass sie bekannt sind. Diesen digitalen Schnickschnack ist ja trotzdem etwas obendrauf. Und warum nicht beides machen? Wenn wir jetzt schon ein Laden haben, dann können wir Ihn ja vielleicht auch im Digitalen transportieren und bauen dann jetzt vielleicht sogar einen coolen Instagram-Kanal auf oder einen wirklich guten Webshop. Ich kann Ihnen mit Sicherheit sagen, wenn Sie einen guten Webshop haben, verkaufen Sie einfach deutschlandweit.

Nataly Kirwald: Ja, das haben wir jetzt ja festgestellt.

Stefan Freise: Uns sind wirklich über die Jahre Kunden begegnet, wo wir gesagt haben: „Diese Produkte deutschlandweit verschicken? Nie im Leben, glauben wir nicht dran.“ Aber das waren dann mitunter Kunden, die waren so verliebt in ihre Produkte, die kannten sich so gut aus in ihrem Segment, in ihrer Branche und hatten so gute Einkaufsmöglichkeiten oder was auch immer. Die haben das mit Herzblut online gestellt, und die verschicken einfach, ob es große oder kleine Dinge sind, einfach bundesweit Produkte. Und das hängt einzig und allein damit zusammen, wie viel Herzblut dort betrieben wird. Natürlich auch kompetent begleitet und man natürlich auch ein bisschen investiert. Dann kann man eigentlich fast alles verkaufen und auch deutschlandweit. Dann macht man plötzlich den Einzelhändlern in Wuppertal und Düsseldorf, Buxtehude und Kiel auch das Leben schwer.

Nataly Kirwald: Oder umgekehrt. Das machen die in Wuppertal, Düsseldorf usw. natürlich auch.

Stefan Freise: Ja, eben genau. Und dann macht man, wenn man das dann irgendwie als Sport betrachtet, anstatt als fiesen Wettbewerb – dann erobert man sich vielleicht den Markt von morgen ein wenig. Das ist das Ganze groß gedacht. Klein gedacht war es ja erstmal nur: „Gebt den Paderbornerinnen und Paderbornern die Möglichkeit noch ein bisschen Geld auszugeben.“ Viele wollen sich zu Hause oder die Terrassen gerade noch ein bisschen schöner machen. Natürlich sind sie mit ihrem Angebot auch ganz weit vorne.

Nataly Kirwald: Ja stimmt, wir stehen bereit.

Stefan Freise: Aus Ihrem Schaufenster-Shop ist quasi fließend ein im Webshop geworden. Sie haben hier fotografiert, Sie haben sich Preise überlegt und dann kann man das eigentlich auf die Webseite stellen. Wie viel Druck geben Sie da jetzt rein? Jetzt sind die Ladentüren ja wieder offen.

Nataly Kirwald: Ja, das verfällt auf gar keinen Fall. Ich habe eben schon mit einer Mitarbeiterin gesprochen und gesagt, dass sich da ab sofort jemand drum kümmern muss. Ich muss da jetzt wirklich dran, die ganzen Inhalte zu sortieren. Ich habe schon angefangen, aber wie gesagt, immer nur zwischen Tür und Angel. Wenn man so viele andere Themen hat, die nebenbei noch beackert werden müssen, was alles Mögliche ist und auch wichtig ist und schnell gemacht werden muss. Alles andere läuft ja irgendwie weiter. Aber jetzt ist die Gelegenheit natürlich günstiger, wo wir insgesamt weniger zu tun haben, weil die Stadt natürlich noch etwas leer bleibt.

Stefan Freise: Gott sei Dank. Ich glaube, Köln muss gestern ganz schlimm gewesen sein. Ich habe heute nur ein paar Schlagzeilen gelesen. Also, wenn die Leute Ihnen jetzt die Hütte einrennen, dann machen sie nämlich in zwei Wochen wieder zu.

Nataly Kirwald: Das stimmt, da muss ein gesundes Mittelmaß gefunden werden. Alle müssen ein bisschen vernünftig sein.

Stefan Freise: Wir machen das jetzt so, dass wir einmal in einer Woche eine Video-Session haben. Das ganze Thema Videokonferenzen, was es ja eigentlich seit Jahrzehnten gibt, mindestens seit vielen Jahren, haben wir vorher auch nicht gemacht. Wir machen es jetzt täglich auch mit Kunden untereinander, und es ist einfach verrückt. Man macht Sachen so ähnlich, wie Sie es jetzt gemacht haben, einfach, und durch das Machen erlebt man sie. Und man denkt, was alle anderen erzählt haben, geht wirklich. Ich habe einen großen Kunden, der agiert deutschlandweit, mit dem habe ich letzte Woche telefoniert, und der hat gesagt: „Wir haben jetzt schon, vom Vorstand aus, alle Dienstfahrten gestrichen. Es wird auch nach Corona bei uns keine Dienstfahrten mehr geben. Wir werden Kfz-Kosten sparen, wir werden Benzin sparen, wir werden die Natur schonen. Wir werden Fahrtzeit sparen, wir werden weniger gestresst sein, und wir werden uns einfach jede Woche einmal kurz per Videokonferenz treffen.“

Das ist mehr als gut genug, und es ist viel besser als gedacht. Und so hatten wir auch heute Morgen zum Hasentaler wieder ein Meeting, das machen wir jetzt einmal pro Woche, weil die Wirtschaftsförderungsgesellschaft, die Werbegemeinschaft, das City-Management, die Tourist-Info jetzt alle mitwirken. Die sind jetzt Kooperationspartner. Und da haben wir darüber gesprochen: „Was ist denn jetzt, wo die Ladentüren wieder auf sind? Was ist jetzt eigentlich?“ Und dann habe ich gesagt: „Wir müssen das Ganze langfristig betrachten. Wenn es wegen Covid-19 irgendwann radikale Gesetzesänderungen gibt oder wieder einen total heißen Sommer, wo die Leute keinen Bock mehr haben, vor die Tür zu gehen, oder ähnliches… Es wird Gründe genug geben, dass die Leute trotzdem Lust haben, von Zuhause aus Produkte zu kaufen, sich beraten zu lassen oder auch an Yoga-Kursen teilzunehmen.“ So was ist totaler Quatsch zu glauben, nur weil die Ladentüren wieder aufgehen, würde die Online-Welt wieder total zurückgehen. Viele haben sich die Online-Welt jetzt mit ersten Schritten erschlossen, zunutze gemacht, vielleicht ein bisschen verliebt oder zumindest davon begeistern lassen und davon werden jetzt einige weitermachen.

Nataly Kirwald: Ich habe das auch gedacht. Jetzt auch für diejenigen, die einfach auch noch zu Hause bleiben wollen, weil sie sich noch nicht wieder wirklich trauen oder auch zu Hause bleiben müssen, weil sie zur Risikogruppe gehören und so weiter. Die können jetzt auch nicht sofort wieder los stiefeln. *Handywecker klingelt* Oh, das ist mein Händewasch-Wecker. Den habe ich mir in regelmäßigen Abständen eingetragen, damit man auch immer dran denkt.

Stefan Freise: Das finde ich sehr gut. Ich habe mal, ich habe mal so ein Wasser-Trink-Wecker eingestellt. Irgendwann macht man das dann automatisiert.

Nataly Kirwald: Mit den Videokonferenzen: Ich habe mir gestern wieder einen neuen Account eingerichtet, weil wir jetzt auch hier mit unserem Team skypen werden. Es sind ja auch sonst nicht immer alle hier und es haben ja nicht alle einen Vollzeit-Job und jeder hat sehr unterschiedliche Arbeitszeiten. Da ist es immer schwierig, dass man alle an einem Termin zusammenkriegt, an dem es allen passt. Dann hat man wieder in zwei Wochen nicht gesprochen.

Das werden wir jetzt anders machen: Wer da ist, ist da. Die anderen können sich dann dazu schalten. Macht vieles einfacher und wäre ich auch sonst nie draufgekommen. Aber da ich jetzt ja mit meinem Mann zwei Wochen im Homeoffice zusammengesessen habe und das auch bei ihm mitbekommen habe. Er macht viele Meetings über Videokonferenzen und da habe ich dann nebenbei einiges gelernt. Das kann man auf jeden Fall für sich nutzen.

Stefan Freise: Und man verliert nicht viel. Gerade Team-Besprechung oder so. Da kennt sich ja auch jeder und ob man da den anderen so richtig wahrgenommen hat… Da kann man ganz gut verzichten dafür, dass alle da sind, vielleicht auch alle ein bisschen weniger gestresst, weil sie eben nicht gerade noch schnell mit dem Fahrrad rein gestürmt kommen, um sich noch schnell dazuzusetzen. Sondern alle ein bisschen entspannter zu Hause mit einer Tasse Kaffee teilnehmen. Da kommen ganz klar neue Qualitäten dazu.

Nataly Kirwald: Man muss nur aufpassen, dass man sich von solchen Sachen nicht überrollen oder einengen lässt, aber die großen Vorteile überwiegen da einfach ganz klar.

Stefan Freise: Diese “Philosophiererei“, die ich auch gerne betreibe, weil man ja jetzt auch abends Zeit dafür hat, wie es denn nach Corona weitergeht macht ja auch Riesenspaß. Aber das ist ein großes Thema, und da bin ich mittlerweile sowieso der Meinung: abwarten. Ich bin sicher, es wird auf keinen Fall so wie vorher. Sowie damals auch 9/11 einen riesen Einschlag hatte. Hoffentlich wird alles ein bisschen bedachter, ein bisschen achtsamer. Und dass man auch wirklich erkennt, was das für ein Unterschied ist, eine persönliche Begegnung zu haben, in das Stadttheater zu gehen, ob ich den Schauspieler auf der Bühne sehe oder eben nur in Filmen gucke… dass so etwas plötzlich an Wert auch wieder zunimmt.

Nataly Kirwald: Also, ich habe auch hier mit Kollegen aus der Grube gesprochen. Diese vier Wochen waren irgendwie eigentlich auch mal gut. Wir haben festgestellt man muss und man kann trotzdem alles irgendwie weiter vorantreiben. Aber man muss nicht nur, weil man denkt der Kunde ist König, muss man immer da sein. Ich muss jeden Samstag bis 18 Uhr da sein. Ich muss immer da hinterherlaufen. Das ging jetzt nicht. Und es hat auch irgendwie andere Qualitäten, dass man gedacht hat: Ja, es ist auch mal schön.

Normalerweise komme ich sonst um acht nach Hause. Jetzt war ich oft schon mittags zuhause, und denke, dass man das vielleicht mal überdenken müsste.

Stefan Freise: Das “müssen“ ist ein bisschen verloren. Man muss hier, man muss da… Dieses getrieben sein. Es geht auch mal eine Zeitlang ohne. Und wenn man das jetzt noch ein bisschen geschickt verlagert. Kann man sagen, dass man die Zeit demnächst lieber darein oder hierein stecken möchte. „Das macht mir mehr Spaß. Das ist effizienter untergebracht.“ Auch die Wertschätzung in Richtung Team… dass die jetzt eine Zeit lang auch wirklich eben nicht nur fleißig waren, sondern auch kreativ waren, sich auch in Prozesse gedacht haben, dass man das Team auch mehr einbezieht in zukünftige Überlegungen. Dass es mehr Kompetenzen gibt, mehr Möglichkeiten gibt, sich einzubringen und sich als Unternehmer*In vielleicht auch auf der strategischen Ebene mehr betätigt. Also es verschiebt sich eben auch eine Menge.

Nataly Kirwald: Es ist dann vielleicht auch wirklich nicht entscheidend, ob man die letzte Stunde noch irgendwie versucht noch so viel Umsatz wie möglich da rauszuholen. Dann müssen sich die Kunden daran gewöhnen und kommen vielleicht an einem anderen Tag nochmal wieder. Dann ist es eben anders, und man muss auch über seine eigene Lebensqualität nachdenken und dafür hatten jetzt alle irgendwie auch Zeit.

Stefan Freise: Und das zeigt, was eben auch zugenommen hat. Das wurde auch prognostiziert von einem sehr guten Beitrag, allerdings schon vor zwei, drei Wochen, sind tatsächlich auch Gespräche mit Freunden und guten Bekannten. Also wo mich jetzt auch abends ab und zu mal Leute anrufen oder ich. Man nimmt sich plötzlich die Zeit. Von wegen Realitätsabgleich: „Was war eigentlich so bei dir in der letzten Zeit akut?“

Nataly Kirwald: Ja wirklich. Mit Füßen hoch auf der Couch, sich hinsetzen und mal bewusst jemanden anrufen. Hoffentlich können wir das ein bisschen beibehalten.

Stefan Freise: Ich möchte das so gerne sagen So ein bisschen raus aus diesem ganzen Kommerz-Kram oder so, aber dafür bin ich natürlich… (beide lachen)

Es ist schwierig, weil… Aber Sie wollen ja bestimmt auch nicht jedem alles verkaufen. Jeder soll das bekommen, was er gut gebrauchen kann, was sein Zuhause wirklich aufwertet und schöner macht. Und nicht nur: Hier Schrank – Da Geld.

Nataly Kirwald: Ne, da haben wir ja keinen Spaß dran. Dann wären wir auch nicht das, was wir sind. Es muss zu uns passen, wir müssen dahinterstehen. Und das, was wir verkaufen, müssen wir auch selber gut finden.

Stefan Freise: Also dass die Dinge auch ein bisschen mehr Wertschätzung bekommen und nicht nur in Euro bemessen werden, ob es Ästhetik ist oder auch Funktion oder auch als Geschenk, als Geste.

Nataly Kirwald: Das muss insgesamt passen. Beide Seiten müssen glücklich sein, damit es für beide Seiten ein Gewinn sein wird. Ich hoffe, dass das so rüberkommt, dass wir so arbeiten und dass das unsere Philosophie ist.

Stefan Freise: Jetzt stelle ich noch eine Hasentaler-Frage: Wann sind Sie auf Instagram online? Was haben Sie gesagt? (lacht) Also Sie werden nicht geprüft.

Nataly Kirwald: Also ich habe mir schon einen Account zugelegt, privat, um mal zu gucken, wie das überhaupt geht. Und war im ersten Moment erst mal wieder: „Oh Gott nein, das will ich nicht.“ Aber taste mich jetzt langsam ran und übergebe es dann einer Kollegin. Ich denke mal, in den nächsten Wochen haben wir da was am Start.

Stefan Freise: Diesen Monat noch? (lacht)

Nataly Kirwald: Nein, nein. Diesen Monat muss ich mich leider um andere Sachen kümmern wie Kurzarbeit und solche blöden Themen. Und hoffe, dass es dann bald vorüber ist mit solchen Überlegungen. Aber sagen wir mal im Juni.

Stefan Freise: Sagen wir mal im Laufe vom Mai. Das geht schneller als man denkt. Es ist irgendwie schon gar nicht so kompliziert.

Nataly Kirwald: Ich weiß, aber das Anfangen, das ist es nur.

Stefan Freise: Instagram-Account zu fahren, ist tatsächlich ja eigentlich trivial. Aber interessanter wäre es das dann mit Aktionen zu verbinden, z.B. Frühlingsfest 2021 um die Kunden einzubinden und so. Das ist dann wiederum die nächste Kunst, dass man da so Leben reinbekommt.

Nataly Kirwald: Ja, genau, man sieht unterschiedliche Sachen, auch bei anderen Herstellern. Es gibt sehr blutleere Accounts, wo man denkt, die machen das auch nur, weil sie es müssen, und dann mache ich es lieber nicht. Wenn dann muss man auch irgendwie was erzählen können. Da muss man jetzt einfach überlegen, wie man das machen kann und man muss schauen: „Wer kann das von uns jetzt gut machen? Wer spricht die Sprache, die ich sprechen möchte? Was gibt es zu erzählen?“

Stefan Freise: Ich versuche jetzt mal so etwas wie ein Fazit zu machen. Sie haben einen klassischen Einzelhandel. Eine ganz nette Webseite, die offensichtlich schon so in die Jahre gekommen war, dass sie gesagt haben, eigentlich stand es längst an die anzupacken. Jetzt kam Corona, dann gab es sofort einen Schaufenster-Shop aufgrund einer verdienten Mitarbeiterin. Das ging fließend über in einen Webshop, den sie jetzt erst mal auf ihrer Webseite haben, aber auch das ist alles in Arbeit, um das Ganze auf ein neues Level zu hieven. Instagram ist angekündigt, und Sie haben sich da einiges jetzt erschlossen und erkennen, dass das einen echten Mehrwert hat. Zusätzlich zum klassischen Einzelhandel. Obwohl ohne Frage, Kirwald in Paderborn ein Name, eine Größe ist. Nicht nur für die Produkte, sondern auch ganz klar für den Service. Kann ich zumindest aus dem unmittelbaren privaten Umfeld sagen, dass das alles tipptopp ist. Und dann gucken wir mal, wie es weitergeht, losgelöst von Corona, aber eben digital.

Cool. Vielen Dank!

Nataly Kirwald: Ich danke!

Stefan Freise: Wie fühlen Sie sich jetzt?

Nataly Kirwald: Gut. Sehr gut.


hasentaler.de bedankt sich ganz herzlich bei Nataly Kirwald für dieses Interview.

Wer Nataly Kirwald in ihren Geschäften IdeenRaum und WerkRaum besuchen möchte, findet hier den Weg: www.kirwald-massivholzmoebel.de.